Es war einmal ….

Once upon a time …….

Eens op ’n tyd…...

Der Käfer

„Kitsch!” rief der Mann, “absoluter Kitsch. Und so etwas wollen Sie veröffentlichen?” Bedauernd schüttelt er den Kopf. „Sie haben kein Talent, gestehen Sie es sich doch ein. Erstens“, und er streckte den Daumen vor “Ihre Zeichensetzung, und zweitens, “ der Zeigefinger schnellte hervor, “die Satzkonstruktion. Unser Bestsellerauthor”, und er nennt einen komischen Namen, “braucht mehr Verben! Drittens”, wieder schnellt ein Finger nach oben, “Ihr Thema. Das interessiert doch keinen. So absolut verrückt! Viertens, viel, viel zu lang!” Als er noch den kleinen Finger emporstreckte, um zu dem fünften Punkt zu gelangen, ergriff ich seine Hand, schüttelte sie kräftig und betrachtete mich als erlöst.

Abermals eine Absage. Die wievielte heute? Na egal, es spielte keine Rolle! Wollte denn keiner meine Geschichte? War die Story wirklich so absurd oder hatte ich Recht und die Herausgeber waren alle kleine Spiesser? Zeichensetzung, pah! Zu wenig Verben, ja ja, nicht so viele wie sein Holladrio, der meinte, jedes zweite Wort müsse ein Verb sein. Gmpf, ich war ich und wollte ich bleiben. Jawohl! Mir vorschreiben lassen, das wäre ja noch schöner!

Drei Wochen und zehn Herausgeber später sass ich am Strassenrand und brütete vor mich hin. Im Rinnstein versuchte ein Käfer verzweifelt auf die Beine zu kommen.

Interessiert verfolgte ich sein Tun. Jedesmal wenn er es fast geschafft hatte, rollte er wieder auf den Rücken zurück. Mitleidig streckte ich ihm einen Finger zu . Er klammerte sich an ihm fest und krabbelte dankbar empor. “Ja, du kleiner Kerl,” sagte ich, “hast’s doch schwer!” Ich setzte ihn auf die Bordsteinkante und beobachtete wie er davonlief. Davonlief? Kaum hatte einige Schritte getan, da torkelte er wieder in den Rinnstein.
„Dummes Vieh!“ brummte ich – und plötzlich kam mir eine Idee. Fieberhaft kramte ich in meinen Taschen herum, fand endlich einen Bleistiftstummel und kritzelte meine Gedanken auf eine weggeworfene Tüte. Der Käfer, das Symbol meines Strebens. Immer wieder in den Rinnstein zurück. Aufatmend betrachtete ich schliesslich mein Werk. Toll war das. Die Tüte wollte ich rahmen und neben mein Bett an die Wand hängen. Das war meine Story, nur meine!
„Na, was schreiben Sie denn da?“ fragte ein kleiner Junge mich. „Und auf so ’ne dreckige Tüte!“ Er rümpfte die Nase.
„Diese Tüte , mein Sohn,“ erwiderte ich belehrend, „ist durch meine Schrift ein Kunstwerk geworden.“
„Durch das Gekritzel!?“ fragte er ungläubig.
„Jawohl, gerde dadurch! Hättest Du etwas gesagt wenn ich auf ein Briefpapier geschrieben hätte?“
„Nee!“ kam die Antwort. „Mir fiel die Tüte auf. Doch wieso Kunstwerk?“
Da hatte ich plötzlich das Gefühl ihm die Geschichte vom Käfer erzählen zu müssen.
Und als ich dann fertig war, da standen ihm die Tränen in den Augen.
„Der arme Käfer!“
„Eine schöne Geschichte“ sagte ein Mann und da merkte ich, dass wir nicht mehr alleine waren. Um mich standen Leute, die sich alle meine Geschichte angehört hatten.
„Die müssen Sie veröffentlichen!“
„Ja, das müssen Sie!“ stimmte ein anderer ihm bei.
„Solch eine Symbolik!“ schwärmte einer: “ Der strebende Mensch, der immer wieder in den Schmutz zurückfällt!“
„Der Mensch, der trotz aller Hilfe in der Gosse landet!“ meinte ein anderer.

Da blitzte es. Der Photograph drängte sich an mich heran und stellte sich als Reporter vor.
Er wollte meine Story.

Als ich am nächsten Morgen die Zeitung sah, konnte ich nur ungläubig den Kopf schütteln. Schlagzeile: Der Märchenkönig erzählt!
Nachmittags kamen die ersten Angebote. Man wollte meine Geschichte.
Je mehr ich mich weigerte, je mehr ich betonte, es sei nur meine Geschichte, um so hartnäckiger setzte man mir zu.

Und dann verkaufte ich die Geschichte doch. Doch das war auch eine Geschichte für sich. Der Herausgeber eines Taschenbuchverlags kam persönlich und wir hatten eine lange Diskussion. Auf all meine Bedenken un d Einwände hatte er eine Antwort parat: Zeichensetzung – dafür habe der Verlag schliesslich Experten, Verben – man wollte etwas, das jeder lesen könne und keine aneinandergereihte Verben, Thema – das was phantastisch. Ausserdem war ihm die Geschichte viel zu kurz, er wollte einen ganzen Roman aus ihr machen, oder zumindest noch Geschichten im gleichen Stil. Also so, wie ich schreibe, er habe es nicht für möglich gehalten, dass es so etwas originelles gebe. Die Anderen, die schrieben ja alle den gleichen Stuss. Schön fand er, dass jemand mit so viel Talent noch so bescheiden sein könne, die eigene Arbeit so kritisch zu betrachten, ja direkt an Minderwertigkeitzkomplexen leiden würde. Die anderen seien doch so von sich selbst eingenommen, dass sie dächten, die Verleger müssten hinter ihnen herlaufen.

Doch das alles war vor drei Jahren.
Heute brüte ich wieder vor mich hin und obwohl die Geschichten aus meiner Feder fehlerlos sind, fehlen ihnen das gewisse etwas, das den Käfer lebendig machte, damals an der Bordsteinkante.

Kontaktdaten
& Links

April 2025
M D M D F S S
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
282930